Die 8. Klassen im Münchner Volkstheater: Der Besuch der alten Dame – Auftritt der Enkelin

 

Am Sonntag, den 22.2. besuchten die Klassen der achten Jahrgangsstufe die Inszenierung „Der Besuch der alten Dame – Auftritt der Enkelin“ im Münchner Volkstheater. Vorausgegangen war die Behandlung Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie als Schulstoff. Die Schülerinnen und Schüler empfanden, dass sie gut vorbereitet waren und staunten trotzdem nicht schlecht über das Stück, das ganz anders verlief, als sie es erwartet hatten: Einige Texte und Personen haben gefehlt. Der Tod ILLs soll besser richtig gezeigt werden. Der Sohn – oder ist es die Tochter – fährt nicht wirklich in einem Auto.

Anders als in der Originalfassung geht es der Inszenierung von Sapir Heller um die Frage, auf die der Untertitel: „Auftritt der Enkelin“ hinweist. Das Stück geht von der Annahme aus, dass die alte Dame tatsächlich niemals in Güllen war, sondern dass die Enkelin diesen Besuch nachholt. Und weil die alte Dame nie den alten ILL mit seinem Fehlverhalten konfrontiert hat, ging dort das Leben weiter als wäre nichts passiert. „Eure Großeltern haben einfach weitergemacht, eure Eltern haben weitergemacht, Ihr habt weitergemacht“. Dem geübten Erwachsenenohr entgeht nicht, dass es in der Inszenierung nicht um das Abspielen der Textvorlage geht, sondern um die Frage, wie die Enkelgeneration mit den Verfehlungen ihrer Großeltern - während der Nazizeit - umgehen.

Diese Bedeutungsebene erschließt sich den Schülerinnen und Schüler in der Nachbesprechung. Abgesehen davon besteht die Aufführung ihren Test vor den theaterungewohnten jungen Besuchern.

Wenn auch die hinzugefügte Bedeutungsebene des Stücks, nämlich über das Trauma der Enkelgeneration der Opfer und die anhaltende Schuld der Enkelgeneration der Täter, nachzudenken, nicht verstanden wurde, zeigen 19 – hier zusammengefügte - Kommentare der Schülerinnen, dass der Umgang mit dem Stoff von Dürrenmatt gefallen hat.

Es waren zwar weniger Schauspieler auf der Bühne als im Buch. Ich dachte, die Figuren wären ernster, aber sie waren gut ausgewählt und passen in unsere Zeit. Einige waren ziemlich schräg. Der Pfarrer, der Polizist, der ILL und der Lehrer gehören in die Therapie. Ich fand, dass die Claire die einzig Normale in diesem Stück war, die anderen waren verkrampft und grotesk, deshalb war es eine Komödie.

Die Dialoge zwischen ILL, dem Bürgermeister und dem Polizisten, waren anders als im Original, aber das Bühnenbild macht deutlich, dass ILL mit seiner Angst „durch die Hölle ging“. Der Schauspieler, der den ILL spielt, hat die Verzweiflung, die ILL im Buch verspürt, sehr anschaulich gemacht.

Ich fand es erstaunlich, dass so wenig Bauten auf der Bühne waren. Aber es war einfallsreich, dass mit dem Baum als einzigem Objekt auf der Bühne so viel ausgedrückt wurde.

Das Lied am Schluss war inspirierend, und die Melodie war schön. Das Stück hat das schwierige Buch verständlich und kurzweilig dargestellt.

Die wichtigste Erkenntnis für alle ist wahrscheinlich, dass eine Theateraufführung eine Interpretation und künstlerische Darbietung in ihrem eigenen künstlerischen Recht ist. Der Regisseur hat seine Idee, wie er die Rollen besetzt, wie das Bühnenbild aussieht und welche Textstellen er auslässt oder anders zusammensetzt.

Wilfried Eckstein